Die Machtpyramide im Clan

Trotz all seiner mentalen Macht ist der Visionär jedoch auch mit herben Schwächen belegt – er ist körperlich vergleichsweise fragil und komplett unfruchtbar. Mit fortgeschrittenen Alter ist er umso mehr auf die Hilfe seiner “Garde” – den Akolyten, Netzwächtern und Palastwachen – angewiesen. Ab einer gewissen Clangröße hat der Visionär auch nur noch wenig Kontakt mit einem Clan. Jeder würde gerne etwas vom Visionär wissen, seinen Rat oder Segen einholen. Der arme Mensch hätte keine ruhige Minute mehr und könnte sich auf die wichtigen Dinge, wie das Planen der Zukunft seines Clans, nicht mehr konzentrieren. Aus diesem Grund gibt es mehrere Instanzen, die vor der Audienz vor dem Visionär liegen.

Wenn der höchste Punkt der Machtpyramide im Clan der Visionär ist, kommen direkt danach die Akolyten und Netzwächter. Die Akolyten sind die Priesterkaste und der Segen der Götter ist für jeden Clan von größter Wichtigkeit. Diejenigen, die in direkten Kontakt mit den höheren Wesen treten können, sind diejenigen, die für den Visionär als Berater von unschätzbarem Wert sind. Die Akolyten managen ebenfalls die gesamten spirituellen Angelegenheiten der Tempel und des Clans. Die Aufgaben der Netzwächter sind da vergleichsweise profaner. Sie haben die Verwaltung des Hofstaats und die Koordination aller administrativen Abläufe in der Hand. Durch ihre deutlich bewusstere und gefilterte Wahrnehmung des Empathischen Netzes haben sie auch eher den Finger am Puls des Clans und stellen für den Visionär den wichtigsten Draht zu seinem Clan dar. Wer zum Visionär vorgelassen will, muss in letzter Instanz zumindest den hochrangigsten Netzwächter davon überzeugen, das Audienzgesuch dem mächtigsten Wesen im Clan vorzutragen.

Direkt darunter rangieren die Palastwachen. Sie sind die Elitegarde der Stadt und der Muskel des Visionärs sowie des Rates. Palastwachen tragen ein neutrales Schwarz (was als Clanfarbe tabu ist) und sind einzig ihrem Visionär und der Stadt verpflichtet, nicht dem Clan. Meistens gehen diese Dinge konform, aber die Unterscheidung ist von politischer Bedeutung beim Kontakt mit anderen Clans. Palastwachen finden sich nicht selten auf Ermittlungen außerhalb des Hoheitsgebietes ihres Clans. Um politische Schwierigkeiten zu vermeiden, gelten sie dabei im Ausland nicht als Vertreter ihres Clans, sondern als direkte Agenten des Visionärs. Politisch knifflige Angelegenheiten müssten so also dem Visionär des anderen Clans direkt vorgetragen werden, was aufgrund des Verwaltungsapparates meistens ohnehin nie versucht wird (es sei denn, es sind viele einflussreiche Personen des Clans betroffen). Die Schattenseite dieser Lösung ist, dass allzu neugierige Palastwachen schnell mal in dunklen Gassen verschwinden, wenn sie nicht vorsichtig sind.
Die Regeln dieses Spiels haben sich über die Jahrhunderte etabliert und werden von allen Clans akzeptiert. Wenn eine Palastwache in einer fremden Stadt spurlos verschwindet, kann der Visionär das als persönlichen Affront betrachten und vor Wut ein Stück aus dem Teppich beißen – aber seinen Clan kann er da nicht mit hineinziehen.
Das mag aus unserer Sicht ein wenig wirr klingen – für die Vitadonier ergibt das jedoch hundertprozentig Sinn.

Meistens sind Palastwachen jedoch damit beschäftigt, die Ordnung im eigenen Clan aufrecht zu erhalten. Sie sind quasi das Äquivalent zu einer Polizei und es gibt Wachstuben und verschiedene Dienstränge vom Wachmann bis zum Detektiv.

Nach den Palastwachen oder ungefähr auf derselben Ebene, kommt der Rat. Jeder größere Clan, den ein Visionär nicht mehr alleine regieren kann, hat einen. Mit der Legitimisierung des Rates zieht sich ein Visionär normalerweise dankbar in die Abgeschiedenheit seines Palastes zurück, wo er sich endlich privaten Studien und größeren philosophischen Fragen widmen kann, die er für die weitere Planung des Clangeschicks gebrauchen kann. Der Palast ist eine Institution, die man in jeder vitadonischen Stadt findet. Der Palast ist der Wohnsitz des Visionärs und Regierungssitz der Stadt, bzw. des gesamten Reiches eines Clans. Es ist meistens der prächtigste, größte und imposanteste Bau der gesamten Stadt.
Die unteren bis mittleren Ebenen, sowie die prächtigen Wohnhäuser, die das Palastgelände oft flankieren, sind die Domäne des Rates. Das erste Mitglied eines neuen Rates ist der vom Visionär bestimmte Hohepriester. Dieser Akolyt hat die ehrenvolle Aufgabe, die Kasten des Clans dazu aufzurufen, in den eigenen Reihen Vertreter ihrer Ziele und Ideale zu erwählen. Die Methode der Auswahl ist dabei jeder Kaste selbst überlassen. Die Kaste der Arbeiter ernennt zu diesem Zeitpunkt meistens eine Reihe von Gilden, die vor dem Rat als eigene Kasten gelten – Arbeiter gibt es zu viele in zu vielen verschiedenen Bereichen, um sie nur durch einen Vertreter im Rat repräsentieren zu lassen.
Die Kasten definieren Ratssprecher, die ihre Ziele an den Rat herantragen sollen. Aus diesen Ratssprechern wählt der komplette Clan eine Reihe von Ratsherren, die in den Rat aufgenommen werden. Die genaue Anzahl der Ratsherren ist von Clan zu Clan unterschiedlich definiert. Weibliche Ratsherren sind durchaus üblich und keine Seltenheit – allerdings bleibt der Titel “Ratsherr” bestehen.
Aus den Ratsherren bestimmt der Visionär einen Ratsmeister. Dieser führt fortan die Versammlungen, gibt das letzte Wort bei Beschlüssen und gilt als Kopf des Rates. Typischerweise ist der Ratsmeister ein Mitglied der vom Clan hochgeschätztesten Kaste – etwas, das der Visionär bestens beurteilen kann.

Wenn also eine Kaste, Gilde oder eine Gruppe ein Anliegen hat, das sie gerne vor den Rat bringen würde, um einen gesetzwirksamen Beschluss zu erwirken, wenden sie sich an einen der Ratssprecher und hoffen, dass dieser das Anliegen an einen Ratsherren vorbringen kann. Wenn dieser Ratsherr noch einen weiteren Ratsherren von der Wichtigkeit des Anliegens überzeugen kann, tragen diese Ratsherren das Anliegen dem Ratsmeister vor, der, sofern er nicht sofort eine Lösung parat hat, eine Ratsversammlung einberuft, in der über das Problem beratschlagt wird. Manchmal wird der Ratssprecher, der ursprünglich mit dem Anliegen kam, zu der Versammlung hinzugezogen.

Dass Nicht-Ratsmitglieder vor den Rat oder den Visionär treten, ist nicht nur sehr selten, sondern auch eine außerordentliche Ehre. Sofern der Grund nicht die Verurteilung für ein schweres Verbrechen ist, um das sich die höchsten Instanzen selbst kümmern mussten, natürlich.
Bei einer Ratseinladung ist ein gutes Auftreten von äußerster Bedeutung, da ein Fauxpas hier das gesellschaftliche Ende der gesamten Blutlinie und den Zusammenbruch aller eigenen Karrierechancen bedeuten kann.

Ein Ratssprecher oder Ratsherr zu sein bringt viele Vorteile mit sich. Neben dem erhöhten Prestige und gesellschaftlichem Status, gewährt die Stadt ihren höchsten Dienern die schönsten Wohnhäuser und in den meisten Clans stehen den Ratsleuten eine gewisse Anzahl von Bediensteten zu, die von der Stadt bezahlt werden.

Zusammengesetzt aus Vertretern der unterschiedlichsten Gruppen, bildet der Ältestenrat also das gesetzliche Fundament der Gesellschaft. Dieser Rat besteht aus Mitgliedern verschiedener Kasten und wird in einem demokratischen System gewählt.
Jeder hat die Möglichkeit, um einen Ratsposten zu kandidieren, wenn er mindestens den goldenen Rang in seiner Gesellschaft erlangt hat. Bürger im silbernen Rang können nicht kandidieren, da sie sich erst dem Clan beweisen müssen, bevor sie ihn lenken können. Potenzielle Kandidaten müssen erst von ihrer Kaste als Ratssprecher gewählt werden (für diesen Titel reicht ein bronzener Rang sogar aus). Der Ratssprecher vermittelt zwischen der Kaste (seinem Teil des Volks) und dem Rat sowie seiner Kaste und den anderen Kasten.

Ratssprecher können ein Ratsurteil überstimmen, wenn sie für jeden Ratsherren zwei Ratssprecher gleichen Ranges zusammenbekommen. Sie sind der direkte Draht für das Volk zum Rat. Unter den Ratssprechern können nun Kandidaten für den Posten des Ratsherren ernannt werden. Wenn der Kandidat aus seiner Kaste gewählt wurde, muss er sich der Gesamtheit des Clans stellen und tritt in seinem Wahlkampf gegen die Kandidaten der anderen Kasten an. Jeder Clan hat eine fest limitierte Anzahl von Ratsherren. Diese Plätze müssen von den Kandidaten hart erkämpft werden.
Falsche Wahlversprechen sind auf dem Vitadon eine gefährliche Sache, da eine Wiederwahl jederzeit erfolgen kann (wenn genug Ratssprecher dafür zusammenkommen) und wer das Vertrauen des Clans erst einmal verloren hat, erlangt es so schnell nicht wieder.
Die Ratsherren regieren die Stadt. Zwar kann der Visionär jederzeit eingreifen und unabhängig eigene Entscheidungen treffen, aber der Rat kann ihn überstimmen, wenn es eine einstimmige Überstimmung ist. Es sind Ratsherren, die die Finanzen, diplomatische Beziehungen und die Rechtssprechung in der Hand haben. Ihnen zu Diensten ist die Kaste der Palastwachen, der starke Arm des Rates. Wenngleich ihre erste Verpflichtung dem Visionär direkt gilt.

Vom Visionär wird dann ein Ratsmeister bestimmt, der als Wortführer und letzte Schlichtungsinstanz innerhalb des Rates fungiert. Ein Rat kann durchaus auch mehrere Ratsmeister haben, wenn der Visionär sich zu keiner eindeutigen Entscheidung in der Lage sah.
Das Kastensystem ist genetisch vorbestimmt und absolut wertefrei. Jede Kaste hat ihre Nische und ihre Berechtigung. Dennoch gibt es auch hier verschiedene, gesellschaftliche Schichten, die jedoch nichts mit den Kasten, sondern den Rängen zu tun haben.

Zwar gelten alle Kasten als gleichermaßen wertvoll, dennoch gibt es im Ansehen Unterschiede – niemand will wirklich viel mit den Agenten zu tun haben, solange er sie nicht braucht. Umgekehrt will jeder einen Liebesdiener haben, aber wirklich richtig respektiert werden sie in den wenigsten Clans. Sie sind als Spielzeug gezüchtet und tief im inneren der Menschen steckt diese Haltung noch fest. Jede Kaste hat in ihrem Clan nicht nur eine bestimmte Rolle, sondern auch einen bestimmten Status und löst bestimmte Emotionen bei der Bevölkerung aus.

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