Das Bardische Dilemma

Im Zuge des Wechsels einiger Kasten zur Liste der Inkarnationen hat der Barde eine interessante Diskussion ausgelöst, die zur Folge hatte, dass ich tatsächlich noch mal angestrengt darüber nachdenken musste, in welches Lager der Barde nun eigentlich gehört.

Ich bin inzwischen zu einem Ergebnis gekommen, aber bevor ich darauf eingehe, möchte ich vorher alle vorgebrachten Argumente für beide Möglichkeiten einmal aufführen und die Sache vom Hintergrund her noch einmal beleuchten. Das wird ein längerer Artikel diesmal, macht euch also einen Tee und setzt euch bequem hin.

Die Idee einer Kaste in Clansblut ist eine besondere Art Mensch, die genetisch für eine bestimmte Aufgabe geschaffen wurde. Diese erschien einer Clanregierung so genug, dass man Generationen von Fehlschlägen - oftmals fragwürdigen Experimenten und arkaner Manipulation an bestehenden Kasten - in Kauf nahm, um genau dieses Ergebnis zu bekommen. Jede neue Kaste bedeutete einen kompletten Wandel in der Infrastruktur, zusätzliche Kosten und einen Haufen neuer Probleme, die erst im Laufe der Zeit offensichtlich wurden. Beispiele für eindeutige Kasten sind der Krieger, der ein widerstandsfähiger und leicht zu verarztender Soldat ist, oder der Akolyt, dem es leichter fällt, die wandelbare Natur des Universums durch Magie zu beeinflussen.

Die Idee einer Inkarnation ist die eines heroischen Schicksals, eines Wegs, den ein Charakter aus freiem Willen beschreitet und der ihn durch Erfahrung, Training und manchmal sogar göttliches Einwirken nachträglich mit besonderen Fähigkeiten ausstattet. Man wird nicht als Inkarnation geboren, sondern man entwickelt sich dazu. Das geschieht durch einen spezifischen Weg, auf denen es einen im Leben verschlagen hat. Egal ob man durch Schicksal oder freien Willen auf diesen Weg geraten ist. Eine Inkarnation ist oftmals mehr eine Idee als eine konkrete Profession. Beispiele für eindeutige Inkarnationen sind der Lich, der seine Menschlichkeit für arkane Macht und Unsterblichkeit geopfert hat, oder der Weltenbummler, der dem Schutz, der Sicherheit und der sozialen Gemeinschaft seines Clans entsagt hat, um komplett unabhängig und frei zu sein.

Ist der Barde nun also eine Kaste oder eine Inkarnation?

Zunächst habe ich mich mit TRIz und Thamyn darüber unterhalten, die beide sehr konträre Meinungen zu dem Thema hatten. Um zu verstehen, wie ich letztendlich zu einer Entscheidung kam, werde ich mich bemühen, beide Meinungen so gut wie möglich wiederzugeben.

Thamyn ist eine starke Verfechterin der Bardenkaste und hat den eigentlichen Sinn des Barden in der Clangesellschaft besser zusammengefasst, als mir das in Jahren gelungen ist. Er ist quintessenziell, da er ein kultureller Motivator und sozialer Netwerker ist, der Gleichgesinnte zusammenbringt, ungehörte Stimmen hörbar macht und seinen Clan zu künstlerischem Ausdruck und Austausch anspornt. Der Barde ist all dies und noch mehr und tatsächlich fasst das seine Rolle im Clan gut zusammen. Ich teile Thamyns Meinung vollkommen, dass der Barde aus diesem Grund absolut lebensnotwendig für jeden Clan ist, der nicht zum kulturellen Stillstand kommen will.

TRIz hingegen sieht den Barden mehr als Inkarnation. Er hat einen vergleichsweise schwammigen Fokus und seine Fähigkeiten sind "weich" genug, dass sie sich prima mit den Fähigkeiten anderer Kasten verbinden lassen. Genau genommen ist er schon jetzt ein Mix aus den Eigenschaften verschiedener Kasten. Das Ablegen seines Handicaps (als Inkarnation nicht mehr nötig) würde ihm außerdem zu einer ungeahnt starken Rolle verhelfen und es ist wirklich argumentativ schwer zu begründen, warum ein Clan so viel auf sich nimmt, um eine solche Kaste zu produzieren, die weder einen militärischen noch einen klerikalen Nutzen hat.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt durchaus schon meine eigene Meinung zu dem Thema gehabt, wollte aber noch eine dritte Meinung einholen. Aus diesem Grund habe ich Per auf das Thema angesprochen, der als Musiker und Grafiker ja praktisch so etwas wie unser Hausbarde ist. ;)

Das war einigermaßen aufschlussreich. Sowohl Per als auch ich teilen Thamyns Meinung, dass der Barde absolut lebensnotwendig für einen Clan ist. Die Frage ist aber, weiß das die Clanregierung auch? Selbst mit Visionär und empathischem Netz gibt es auf dem Vitadon Parallelen zu unserer Gesellschaft und unsere Regierungen sind nicht direkt Freunde der freien Kunst. Hinzu kommt, dass verstaatlichte Kunst selten wirklich echte Kunst ist und in noch selteneren Fällen wirklich gesellschaftlich etwas bewegt hat. Eine Kaste der Barden wäre der Inbegriff staatlich kontrollierter Kunst. Kunstförderung hingegen ist eine komplett andere Geschichte. Dazu gleich mehr.

Versetzen wir uns in die Situation der ersten, prototypischen, Clansherren vor ca. 25.000 Jahren. Ein Gremium aus einem Proto-Visionär, Militärs und Genetikern sitzt um einen theoretischen Tisch und plant die Kasten. Es ist schon so unwahrscheinlich, aber selbst wenn, rein hypothetisch, jemand an diesem Tisch vorgeschlagen hätte, eine Kaste der Barden zu züchten, und der Vorschlag wäre nicht abgeschmettert worden, wären die Künstler dieses Clans auf die Barrikaden gegangen. Dass das Militär vom Staat kontrolliert wird, ergibt Sinn. Dass er Ressourcen für klerikale Aufgaben zur Verfügung stellt ergibt auch Sinn. Dasselbe gilt für Heilkunde und Forschung. Kunst ist aber per Definition Rebellion gegen die Norm und den Status Quo. Eine Kaste der Barden würde bedeuten, der Staat kontrolliert die Kunst. Per hat an diesem Punkt einen guten Einwand gemacht und als waschechter Künstler hat ihm diese Idee natürlich nicht behagt. Denn eines darf man nicht vergessen: Alle Spezialkasten sind Eigentum der Regierung und müssen ihre Freiheit teuer bezahlen. Die Regierung (sprich: Der Visionär und der Rat) bestimmt über die Spezialkasten und ihre Einsätze, denn das spezielle Training und die Ausbildung einer Spezialkaste ist irre teuer im Sinne der benötigten Ressourcen. Natürlich könnte eine Kaste der Barden aus Sicht eines Visionärs eine tolle Idee sein, aber er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Begeisterung seitens der Künstler seines Clans ernten.

Hinzu kommt weiterhin, dass ein Barde kein Außenseiter sein darf. Als Spezialkaste steht er draußen und schaut den normalsterblichen Arbeitern durchs Fenster seines Kastenfokus zu. Ein Barde, der den Finger wirklich am Puls des Clans hat, lebt mittendrin. Um seiner Aufgabe als kultureller Motivator gerecht zu werden, muss der Barde frei wirken können und das wäre bei einer Spezialkaste nie der Fall. Niemand würde das Äquivalent von vielen Millarden Euro zum Fenster rauswerfen, um einen Supermenschen zu züchten, der ein grandioser Künstler, Trickser und Meinungsmacher ist, um ihn dann nicht zu instrumentalisieren, sondern machen zu lassen, wie ihm beliebt. Und in dem Moment, in dem der Barde instrumentalisiert wird, verliert er seinen Fokus und seine Vertrauensbasis. Wenn man so weit gehen will, könnte man gleich seine Netzwächter einsetzen, um die Stimmungen und Meinungen der Menschen zu manipulieren – und so ethisch korrekt sind die Clans dann doch, etwas Derartiges nicht zu tun. Vom Barden erwartet man, dass er den Ratsherren auf den Zahn fühlt und die Leute zum Nachdenken, ja vielleicht sogar zum Rebellieren anhält. Selbst ein Clan, der sich dessen bewusst ist und trotzdem Barden haben will, um sich selbst ehrlich zu halten (sehr nobel, was im Übrigen schon unwahrscheinlich genug ist), würde keine Kasten für diese Aufgabe haben wollen. Denn in dem Fall wäre die Abhängigkeit vom Staatsapparat inherenter Teil ihrer Natur.

Statt dessen scheint es durchaus plausibel, dass die Stadt Bardenkollegs betreibt, in denen entsprechend ambitionierte Künstler Ausbildung und Förderung erhalten. Natürlich haben die meisten Städte ein Interesse daran, ihre Künstler zu fördern und Barden sehen sich selbst als Botschafter der Selbstverwirklichung und Musen der Kreativen. Weise Clans wissen, dass sie kulturelles Wachstum nicht erzwingen, sondern nur fördern können. Das nächste musikalische Genie oder Schauspieltalent kann von überall kommen und nicht einmal die Götter können bestimmen, wer es wird (OK, sie könnten, aber tun es üblicherweise nicht…).
Clans, denen nichts an Kunst und Kultur liegt, hätten auch kein Interesse am Barden.

Der Barde ist also eine Inkarnation. Und zwar ein funkelndes Paradebeispiel für eine.

Diese Entscheidung hat den zusätzlichen außerordentlichen Vorteil, dass Barden von überall kommen können und so aus allen Winkeln der Clangesellschaft und Schichten eigene Eindrücke, Meinungen und Erfahrungen einbringen. Eine Vielfalt, in der künstlerisches Schaffen nicht nur erblüht, sondern überhaupt erst möglich wird. Barden als Kaste, die in ihrem eigenen kleinen Kreis nur mit anderen Barden zu tun hätten, würden stagnieren. Wenn aber jeder, vom Arbeiter bis zum Jäger, den Mantel des Barden anlegen kann, sind unzählige Meinungen, Ideen und Stilrichtungen vorprogrammiert. Selbst, als letzter Betrachtungswinkel, aus der Sicht der Bardenkaste, wäre das ein Gewinn für alle Barden des Vitadon. Es wäre sogar denkbar, dass ein Ungesehener durch ein bardisches Talent und Training zu einem gewissen Status kommt.

Alle Barden, die ich über die Jahre im Spiel kennengelernt habe, würden vermutlich bereitwillig ihre Exklusivität als Kaste opfern, wenn das bedeutet, dass ihre Vision von einer Welt, in der jeder den Mut und die Möglichkeit hat, sich auszudrücken, Realität wird. Der Fokus des Barden war immer seine Fokuslosigkeit, ja die Beliebigkeit seiner spezifischen Ziele. Jeder Barde hatte seine eigenen. Einige waren große Sänger und fromme Begünstigte der Götter, andere hedonistische Säbelrassler und Trickbetrüger, während andere brillante Diplomaten und Sagenkundige waren. Im Kern waren Barden schon immer andere Kasten, die den Weg des Barden gegangen sind. Dies ist nun umso mehr der Fall und zusätzlich in einem vollkommen legitimen Rahmen. Wenn irgendwas, dann wird der Barde – sowie seine Rolle in der Welt – durch den Wandel zur Inkarnation stärker. Wie auf Steroiden stärker.

Ich hoffe, die Entscheidung ist so für alle nachvollziehbar. Ich habe sie nicht leichtfertig getroffen und alles Für und Wider sorgsam abgewägt, bevor ich mich endgültig entschieden habe. Der Barde ist das, was er immer war: Der Joker unter den Clansblut-Helden. Durch den Wechsel hat sich tatsächlich in diesem Punkt gar nichts geändert, außer dass es jetzt potenziell mehr Barden-Abenteurer geben wird. Ich glaube, wir werden noch viel vom Barden sehen in der Zukunft. Ich, für meinen Teil, freue mich schon darauf, über die Bardenkollegs zu schreiben und dem Barden musische Fähigkeiten zu geben, die spezifisch in Kombination mit anderen Kastenfähigkeiten arbeiten.

Ich hoffe außerdem, dass die, die vielleicht nicht glücklich mit der Entscheidung sind, so weit darüber hinweg kommen, um dem neuen Barden eine Chance zu geben, sich ihnen zu beweisen. Ich bin sicher, er wird wieder die Herzen im Sturm erobern, wie man es von ihm gewohnt ist. :)

Ruhm und Ehre dem Clan,
Craze